GAG - was ist das eigentlich?
Galopprennbahnen
sind keine Laufstege für Schaupüppchen, sondern für Rennkonkurrenzen von Englischen
Vollblütern und Vollblutarabern. Dabei gibt es schnelle und weniger schnelle Galopper.
Bei der Zucht der Englischen Vollblüter stand immer eine Maxime obenan: Die besten, also
die schnellsten, kommen in die Zucht. Dies allein kann und sollte zwar nicht Ziel der
Arabischen Vollblutzucht sein, wenn auch die französische VA-Zucht leider in diese
Richtung geht. Doch dies ist ein anderes Thema und hat nichts mit dem GAG zu tun.
Da gab es nun einen in der Seeschlacht von Trafalgar bewährten Admiral namens Henry Rous,
der gleichzeitig dem britischen Jockey-Club vorstand und Mitte des vorletzten Jahrhunderts
eine ganz besondere Entdeckung machte: Die Leistung eines Rennpferdes ist im wesentlichen
durch drei Variable beeinflusst, nämlich durch die Länge des Rennens, das Alter der
Pferde und das Gewicht im Sattel. Dies war die Grundidee für die Abhaltung von
Ausgleichsrennen. Damit nicht immer das gleiche Pferd am Ende des Rennens vorn ist,
variiert man das Gewicht in der Satteltasche aufgrund bisheriger Leistungen, also nach
menschlich subjektiv eingeschätzten Maßstäben. Dies machen die sogenannten Ausgleicher
oder Handicapper, bei Englischen Vollblütern (kurz: xx) sind dies in Deutschland fünf
Herren, die sich (fast) jedes Rennen ansehen und - grob vereinfacht - den Pferden, die
heute schlecht laufen, beim nächsten mal wahrscheinlich weniger Gewicht, und den Pferden,
die heute gewinnen, mehr geben. So kommen, zumindest theoretisch, alle einmal in den
Genuss eines Erfolges.
Bei den Vollblutarabern gibt es einen Ausgleicher, Herrn P.A. de Jong. Herr de Jong ist
seit 34 Jahren Ausgleicher in Holland und betreut nun neben den hollandischen AV (seit 11
Jahren) auch die deutschen (seit 7 Jahren). Er verfügt somit über langjährige Erfahrung
und hat für Deutschland und Holland zusammen auch genügend Pferde zur Verfügung, die er
vergleichen kann.
Die Festlegung des Ausgleichs, des (Jahres-)Generalausgleichs (=GAG) erfolgt einmal im
Jahr, und zwar ziemlich am Anfang, im Januar; hierbei beziehen sich die Ausgleiche auf die
von ihnen ermittelten Renndaten des Vorjahres für alle Vollblüter, die mindestens
dreimal im Jahr auf deutschen Rennbahnen gelaufen sind bzw. einmal gewonnen haben (bei
xx). Bei unseren Vollblutarabern erfolgt die Festlegung nach der Rennsaison, wobei nur
Pferde berücksichtigt werden, die mindestens zweimal auf deutschen Rennbahnen gelaufen
sind.
Vollblutaraber erhalten ein Gewicht von 35 kg - ?? kg (40 kg - 110 kg bei xx), wobei die
Skala nach oben offen ist. Beispielsweise hat die beste VA-Stute in Deutschland,
FERTINA,
einen GAG von 63 kg. Mit dem niedrigsten GAG von 35 kg (40 kg bei xx) gibt es eine ganze
Reihe von Pferden, unter anderen den vierjährigen Hengst Ifrit; den höchsten GAG mit 62
kg bei den vierjährigen besitzt derzeit Ganimed. (Bei den Englischen Vollblütern ist
dies derzeit Tiger Hill mit 102 kg!)
Das bedeutet: Werden Ifrit und Gamined im Jahr 2000 in einem Ausgleichsrennen
aufeinandertreffen, müsste Ganimed 62 kg tragen um - theoretisch - mit Ifrit, der 35 kg
zu tragen hat, im toten Rennen über die Ziellinie zu galoppieren.
Das ist natürlich reine Theorie, aber es erklärt das Prinzip des Generalausgleichs: Je
höher ein Pferd von den Ausgleichern eingestuft wurde, um so höher war seine
Rennleistung.
Zurück zu den Ausgleichsrennen (bei xx), die in vier Kategorien (I-IV) eingeteilt sind:
Es hat sich im Laufe der Zeit als sinnvoll herausgestellt, ein Pferd zwischen 50 und 60 kg
in einem Rennen tragen zu lassen. Dieses Gewicht lässt ohne Einschränkungen
Topleistungen zu. Es hat deshalb auch zur Folge, das Ifrit und Ganimed nie
aufeinandertreffen, - zumindest nicht in einem sogenannten Ausgleichsrennen, weil dort die
Gewichtsunterschiede zu groß wären. Dafür treffen sich andere Pferde, deren Leistungen
ähnlich sind; "ihr" Ausgleich sorgt dafür.
Im Ausgleich I betragen die Abzüge zum GAG zwischen 30 und 36 kg, im Ausgleich II
zwischen 18 und 24 kg, im Ausgleich II zwischen 6 und 12 kg und im Ausgleich IV erhalten
die Pferde einen Zuschlag zwischen 0 und 12 kg, (bei xx!).
Dies bedeutet, um beim Beispiel von Ifrit und Gamimed zu bleiben, Ifrit kommt in den
Ausgleich IV und erhält einen Zuschlag von 12 kg, womit er 47 kg tragen müsste, seine
Mitkonkurrenten müssten das dann entsprechend auch tun. Weil keiner viel mehr als 60 kg
tragen sollte, trifft er im Ausgleich IV immer auf Pferde mit einem ähnlichen GAG.
Im Ausgleichsrennen haben alle gleiche Chancen (deshalb sind diese Rennen so spannend und
sorgen am Totalisator für viel Umsatz!), denn der Ausgleicher kann das Sattelgewicht
innerhalb der aufgezeichneten Grenzen variieren. Nach bestem Wissen und Gewissen.
Nun ist es im Grunde zwar ziemlich gleichgültig, ob der Schlechteste gegen den Besten in
einem theoretischem Ausgleichsrennen eine echte Chance haben würde, doch es gibt zwei
Aspekte, die selbst Skeptiker vom Sinn der Handicaps überzeugen müssten:
1. Wenn immer dieselben Pferde mit immer denselben zu tragenden Gewichten gegeneinander
laufen, gewinnt theoretisch immer dasselbe. Das ist auf die Dauer langweilig. Auch zum
Wetten reizt es irgendwann nicht mehr übermäßig stark an. Handicaprennen dagegen sind
immer auch echte Wett-Rennen.
2. Über das Jahr gesehen ermöglicht das System der Ausgleichsrennen den Ausgleichern die
Aufstellung einer ganz genauen Rangfolge aller in der Bundesrepublik gelaufenen Galopper,
(fast aller), sowohl bei den Englischen als auch den Arabischen Vollblütern.
Dabei wird der Generalausgleich immer so rangiert, dass er einen "zeitlosen"
Vergleich ermöglicht. Das heißt, wenn einem Züchter eine AV-Stute zum Kauf angeboten
wird, die eine Generalausgleichsmarke von 60 kg vorweisen kann, weiß der Mann (die Frau)
sofort, dass es schon eine Stute sehr gehobenen Rennvermögens gewesen ist. Das weiß er,
gleichgültig, ob sie ihre Rennlaufbahn vor zehn, fünf oder einem Jahr beendet hat.
Damit die Sache funktioniert, werden die Reiter vor und nach dem Rennen mit dem jeweils
verwendeten Sattel und den Sattelunterlagen gewogen. Das vom Ausgleicher ermittelte zu
tragende Gewicht ist strengstens einzuhalten, darf weder unter- noch unangemeldet
überschritten werden.
©2000 Michael Sommer